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Aus der Geschichte des Bahnhofs Walthersdorf


ca. 1915


Die Herstellung einer Eisenbahnverbin-
dung zwischen Schwarzenberg und Annaberg bzw. Buchholz wurde von den betreffenden Gemeinden des oberen Erzgebirges bereits seit Mitte der 50er Jahre des 19.Jh. gefordert. Nach umfangreichen Bemühungen und der Untersuchung zahlreicher Linienführungen, die auch die Frage nach der Spurweite (Normalspurbahn oder Schmalspurbahn) einschloss, hatte die sächsische Regierung 1886 den Beschluss gefasst, eine normalspurige Bahnstrecke von Buchholz über Schlettau, Scheibenberg und Grünstädtel nach Schwarzenberg zu erbauen. Die Gemeinde Crottendorf, die bereits im Zuge der umfangreichen Voruntersuchungen auf geeignete Berücksichtigung gehofft hatte, konnte nur darauf hoffen, alsbald von dieser Strecke einen Stichbahnanschluss zu erhalten, welcher auch bereits 1886 mit in Aussicht gestellt worden war.
Die Untersuchungen hierzu ergaben 1887, dass eine geeignete Bahnlinie bei Walthersdorf von der o.g. Bahn abzweigen könnte und sogar normalspurig auszuführen sei, weil das Gelände ohne nennenswerte Baukostensteigerung hierzu geeignet war und die gleiche Spurweite umständliches Umladen unnötig machte. Der Bau dieser Strecke wurde dementsprechend im Jahr 1888 genehmigt.
Für das benachbarte Schlettau war von Anfang an ein größerer Bahnhof vorgesehen und so kann man bei der Begründung zur Anlage des Walthersdorfer Bahnhofs aus dem Jahr 1888 folgendes nachlesen:

„Bei der Nähe des Schlettauer Bahnhofes erscheint es aber angezeigt, an der Abzweigungsstelle keinen Anschlussbahnhof anzulegen, sondern die Züge der Zweiglinie von Schlettau aus beziehentlich bis dahin verkehren zu lassen, so dass an der Abzweigungsstelle nur auf eine Haltstelle für den Personenübergang zwischen der neuen Linie einerseits und der Annaberg-Schwarzenberger Bahn in der Richtung von und nach Buchholz andererseits und für die Abfertigung des Localpersonenverkehrs, sowie des localen Güterverkehrs Bedacht zu nehmen war, ...“

Dieser Vorgabe folgend, entstanden 1888/89 die neuen Stationsanlagen und so dienten und entsprachen sie im wesentlichen auch über 100 Jahre den betrieblichen und verkehrlichen Bedürfnissen. Die Station verfügte über drei Gleise: Gleis 1 als Laderampen- und Güterschuppengleis vermittelte den Stückgut- und Wagenladungsverkehr. Gleis 2 stellte das Hauptgleis für die Züge von und nach Crottendorf dar, während das durchgehende Hauptgleis der Buchholz-Schwarzenberger Strecke die Gleisnummer 3 erhielt und als einzigstes noch heute liegt. Zwischen Gleis 2 und 3 befand sich in Insellage der 90 m lange Personenbahnsteig, der somit den Buchholzer und den Crottendorfer Zügen gleichzeitig diente. Insgesamt gab es sechs Weichen zuzüglich einer Gleiskreuzung. An Hochbauten und zugehörigen Baulichkeiten ließ die Königlich-Sächsische Staats-Eisenbahn errichten:

Haltestellengebäude mit angebautem Güterschuppen
Wirtschaftsgebäude
Wirtschaftsbrunnen
Aschegrube
Feuerleiterhalter
für
für
für
für
für
21.316,09 RM
4.034,40 RM
653,00 RM
97,51 RM
75,00 RM.


Am 1.Dezember 1889 begann der planmäßige Eisenbahnbetrieb. Einen Tag vorher waren beide Strecken feierlich eröffnet worden. Walthersdorf war in den Rang einer Haltestelle eingeordnet und der Stationsbeamte, der alle Dienstgeschäfte besorgen musste, in den eines „Aufsehers III.Klasse“. Unterstellt war der Bahnhof der benachbarten Station Schlettau. Der erste Bahnhofsvorstand im oben genannten Dienstrang war ein Herr Karl Ernst Hunger von 1889 bis 1894. Der Vollständigkeit halber muss noch erwähnt werden, dass es neben dem Walthersdorfer Bahnhof auf der abzweigenden Crottendorfer Linie in ca. 2 km Entfernung noch eine Station „Walthersdorf Haltepunkt“ gab.
Nach dem ersten Fahrplan liefen täglich vier gemischte Zugpaare auf der „Hauptstrecke“ und vier Zugpaare auf der Stichbahn nach Crottendorf. Dazu kam noch ein Güterzugpaar Annaberg – Schwarzenberg und ein selbes von Annaberg nach Schlettau. Die Verkehrsentwicklung im Walthersdorfer Bahnhof in den ersten zehn Jahren nach der Inbetriebnahme der Strecken war folgende:



Abgefertigte Personen
(abf.)

Güterverkehr
(ank. + abg.)

1890
1895
1900
10.042
11.757
10.132
1.574 t
1.658 t
5.281 t


Abgefertigt wurden im Güterverkehr vor allem eingehende Holzwaren für die Fa. Georg Adler, die in Walthersdorf Kartonagenfabrikation betrieb und nach dem II. Weltkrieg in Volkseigentum die Möbelproduktion begann. Daneben spielte, wie auf jedem Bahnhof, die Anlieferung der notwendigen Kohlen für die Menschen, die wichtigste Rolle. Auch wenn es in Zeiten des automobilen Kraftverkehrs kaum noch vorstellbar ist, so gab es doch auch im Walthersdorfer Bahnhof einst solch umfangreichen Güterumschlag, dass die Güterkunden mit den Verhältnissen bei der Bahn unzufrieden waren. 1919 (!) beschwerte sich die Gemeinde:
„ ... Es muß infolge geringer Besetzung oft bei Abholung und Auslieferung lange gewartet werden. Größtenteils ist nur ein Bediensteter anwesend und dieser ist durch Erledigung des Zugverkehrs und Fahrkartenverkaufs abgehalten. Nur unter größter Anstrengung können alle gewünschten Anforderungen vom Personal durchgeführt werden. ....“


ca. 1925

Der Ladeplatz war auch zu klein und wurde bemängelt, was Anfang der 20er Jahre d.v.Jh. zu einer Erweiterung führte. Für den Umfang des Personenverkehrs reichten die vorhandenen Anlagen offensichtlich immer aus. Nur zwei wesentliche Ergänzungen sind hier vorgenommen worden. Zum einen erhielt der Bahnhof am 1.November 1898 Bahnsteigsperren und im Jahr 1926 errichtete man am Zugang zum Inselbahnsteig eine Schranke zur Sicherung des abzweigenden Crottendorfer Gleises. Ausschlaggebend hierfür war der Umstand, dass Reisende immer wieder noch kurz vor einfahrenden Zügen zum Bahnsteig eilten, was zu mehreren abrupten Bremsmanövern seitens der Lokführer geführt hatte.
Den überwiegenden Teil ihrer Existenz war die Dienststelle dem benachbarten Bahnhof in Schlettau unterstellt. Es gab aber auch zwei Zeiträume, in denen der Bahnhof eine eigenständige Dienststelle war. Vom 1. April 1921 ab war der Bahnhof für genau drei Jahre selbständig und dann noch einmal vom 1. Juni 1938 bis zum 1. Mai 1947. Der Bahnhofsname veränderte sich – wenn auch nur unbedeutend – zwei Mal: Im Februar 1910 wurde aus „Waltersdorf“ „Walthersdorf“ und ab Oktober 1921 hieß es „Walthersdorf (Erzgeb)“ statt wie bisher: „Walthersdorf (Sa)“. Den größten Umfang nahm der Eisenbahnverkehr und –betrieb in den 20er und 30er Jahren d.v.Jh. an. Damals fuhren nach Crottendorf täglich zehn Zugpaare und zwischen Buchholz und Schwarzenberg liefen fünf durchgehende Zugpaare und eine Reihe weiterer kürzerer Zugläufe. Dazu kamen noch etwa fünf bis sieben selbständige Güterzugleistungen. 1935 hatte der Verkehr im Bahnhof Walthersdorf folgende Größenordnungen erreicht:


Abgefertigte Personen (abf.) :
Güterverkehr (ank. + abg.):
21.360
3627 t


Den zweiten Weltkrieg und auch die Jahre des Umbruchs und der Wismutzeit danach überstand der kleine Bahnhof ohne Schäden oder wesentliche Veränderungen. Das Alltagsgeschäft im Bahnhof funktionierte wie eh und je und für die Versorgung der Menschen und der Betriebe stellte die Eisenbahn noch immer die Reise- und Frachtmöglichkeit dar, auf die man sich tagtäglich verlassen können musste. „Sozialistischer Wettbewerb“ oder sowjetische Neuerermethoden spielten dabei auf einem solch kleinen Dienstort fast keine Rolle, die Hauptsache war, dass „alles lief“. Und es lief, so lange die Räder immer ihren vorgezeichneten Bahnen folgten, und sich nicht nach außerhalb der Gleise „verirrten“, und so lange im Winter die Gleise befahrbar blieben. Der Bahnhof und die Eisenbahn gehörten einfach über die Jahrzehnte zum Leben der Menschen und in der Gemeinde.


Foto: G. Meyer, 3. September 1964



Als die Deutsche Reichsbahn Anfang der 60er Jahre d.v.Jh. begann, sich mit Fragen der Rationalisierung des Bahnverkehrs und der vernünftigen Aufteilung zwischen Kraft- und Bahnverkehr zu beschäftigen, gehörte auch der Walthersdorfer Bahnhof zu den Wagenladungs- und Stückgutbahnhöfen, die ins Visier der Rationalisierer gerieten. Bereits im Jahr 1964 wurde deshalb der Gütertarifbahnhof Walthersdorf geschlossen und die Güterkunden mussten ihre Waren fortan in Schlettau oder Crottendorf aufgeben bzw. abholen.
Wenige Jahre später baute die Bahnmeisterei dann auch die nicht mehr benötigten Weichen und Gleise aus, wobei das Gleis der ehemaligen Ladestraße aber für die Zwecke der Bahnmeisterei liegen blieb, so dass der Bahnhof trotz allem noch über drei Gleise verfügte. Ab 1971 führte man dann auf der Crottendorfer Bahn den „Vereinfachten Nebenbahndienst“ ein. Bestrebungen der Eisenbahn, diese Strecke Mitte der 70er Jahre d.v.Jh. ganz einzustellen, scheiterten am hohen Güteraufkommen in Crottendorf.


Foto: G. Meyer, 17. Mai 1975

So blieb es bei den bestehenden Verhältnissen bis nach 1990. Eine gewisse Bekanntheit unter deutschen und europäischen Eisenbahnfans erlangte auch Walthersdorf, als in der DDR zur Öleinsparung noch einmal Dampflokomotiven reaktiviert wurden, und deshalb zwischen Buchholz, Scheibenberg und Crottendorf noch einmal Lokomotiven der BR 86 ihren letzten planmäßigen Einsatz in Deutschland erlebten (1982 ... 1988). Wie oft der Bahnhof Walthersdorf während dieser sechs Jahre fotografiert wurde ist unbekannt, ein paar Tausend Bildmotive dürften es aber wohl sein ... !

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands und den hieraus resultierenden Veränderungen ging der Güter- und Personenverkehr der Eisenbahn dramatisch zurück. Es folgte die Einstellung der Güterzugfahrten auf den zwei - Walthersdorf berührenden - Strecken im Jahr 1994. Zwei Jahre später verlor die Bahnlinie nach Crottendorf auch den Personenverkehr und am 30.Dezember 1996 fuhr die Eisenbahn das letzte Mal nach Crottendorf. Nur wenige Monate später ereilte die Verbindung zwischen Annaberg-Buchholz und Schwarzenberg das selbe Schicksal. Am Abend des 27.September 1997 durchfuhr der letzte reguläre Eisenbahnzug den Walthersdorfer Bahnhof. 108 Jahre nach seiner Übergabe verlor der Bahnhof damit seine eigentliche Bestimmung. Zum Glück wohnten im Empfangsgebäude noch zwei ehemalige Eisenbahnerfamilien, so dass wenigstens dieses nicht sich allein überlassen blieb.
Die Zukunft der Walthersdorfer Anlagen schien der bekannte Weg zahlreicher anderer Bahnhöfe und Bahnanlagen darzustellen – doch es sollte anders kommen ! Im Jahr 1999 hielt der heutige Eigentümer und „Museumsdirektor“, Claus Schlegel, Ausschau nach einer geeigneten Bahnimmobilie, die u.a. zur Präsentation seiner umfangreichen Sammlung historischer, sächsischer Eisenbahnsachzeugen dienen sollte. Da sich das Walthersdorfer Empfangsgebäude sowohl in seiner Größe als auch im Erhaltungszustand für eine Übernahme empfahl, kam es schließlich im Juni 2000 zur Unterzeichnung des Kaufvertrags zwischen der Bahn und Claus Schlegel. Innerhalb von drei Jahren wurde nun das Empfangsgebäude in einen Zustand versetzt, von dem sich jedermann hier selbst überzeugen kann. Ohne Übertreibung kann man wohl sagen, dass mit einer unglaublichen Menge an Enthusiasmus und persönlichem Einsatz ein kleines Schmückstück aus dem Empfangsgebäude von Walthersdorf geworden ist.
Was die Zukunft des Schienenverkehrs vor dem Empfangsgebäude betrifft, ist z.Zt. folgendes festzustellen. Die Eisenbahn nach Crottendorf ist inzwischen amtlich stillgelegt. Bereits teilweise infolge von Bauarbeiten unterbrochen, wurden im April 2003 auch im ehemaligen Bahnhofsbereich von Walthersdorf die Gleise abgebaut.
Die Strecke Buchholz-Schwarzenberg ist seit 1.Januar 2002 in die Regie der DB-eigenen „Erzgebirgsbahn“ übergegangen. Diese will sie für Überführungsfahrten u.ä. zwischen Annaberg-Buchholz und Schwarzenberg - so lange noch (technisch) möglich - vorhalten. In jedem Fall ist bis heute noch kein Stillegungsverfahren eingeleitet und die Strecke hat nach wie vor den Status einer Eisenbahnnebenstrecke nach Eisenbahn Bau- und Betriebsordnung. Ob sie in einiger Zeit auch aufgegeben wird, sich ein Pachtinteressent findet, oder vielleicht einmal wieder Zugverkehr stattfindet – darüber gibt es zur Zeit keine eindeutige Klarheit.
Ein Rundgang durch die Ausstellung im Walthersdorfer Empfangsgebäude soll einen kleinen Eindruck von jener Zeit vermitteln, als alle Jungen noch Lokführer werden wollten und auch in Walthersdorf an jedem Tag mehrmals die Bremsklötze der Eisenbahnzüge quietschten.

26.Okt 1921 Walthersdorf (Sa) --> Walthersdorf (Erzgeb)
1910/22 Fa. Georg Adler wünscht Vergrößerung der Ladeanlagen
1.4.1921 Walthersdorf selbstst Dst
Feb 1925 Weiche 3 in Gl 2 verlegt
1926 Schranke errichtet
1.1.1910 bis km 10,4 zur BD Chemnitz
19.2.1910 Waltersdorf --> Walthersdorf
1.11.1898 Bstgsperren
1.10.1971WC --> vereinf Nebenbahndienst
1964 Walthersdorf Schlettau unterstellt
14.5.1921 Buslinie Annaberg-Schwarzenberg
1946 Walthersdorf zu RBA Zwickau
1.4.1924 Walthersdorf Schlettau unterstellt
1.6.1938 Walthersdorf wieder selbst
1.5.1947 Walthersdorf wieder Schlettau unterstellt
1967 Ausbau Wei + Ladestraßengleis
1964 Schließung GV
geändert am 29.4.2017
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